Die Sonne brennt unbarmherzig auf den Rasen des Inter&Co Stadiums in Orlando, die Luft flimmert über den Rängen, und die Menge skandiert rhythmisch einen Namen, der in Europa längst Legendenstatus genießt. Thomas Müller steht am Elfmeterpunkt, den Ball ruhig in den Händen, ein breites, fast schelmisches Grinsen im Gesicht. Es ist das Finale des MLS All-Star Shooting Game, eines Wettbewerbs, der bei den amerikanischen Fans Kultstatus hat und bei dem es darum geht, aus verschiedenen Positionen und unter Zeitdruck so viele Tore wie möglich zu erzielen. Müller atmet ein, tritt an, und der Ball zischt unhaltbar in den oberen Winkel. Das Stadion explodiert. Mit diesem Treffer hat der 36-jährige Deutsche nicht nur das Spiel gewonnen, sondern auch den seit Jahren bestehenden Rekord der MLS All-Star-Geschichte gebrochen. Und das Beste daran: Er denkt noch lange nicht daran, aufzuhören.
Der Rekord, den Müller an diesem Abend pulverisiert hat, ist eine Zahl, die in den USA als fast unantastbar galt. 24 Punkte in der historischen Bestenliste des Shooting Challenges. Müller beendete den Wettbewerb mit 28 Punkten. Seine Präzision war dabei fast schon unheimlich. Egal ob aus der Distanz, nach einem kurzen Dribbling oder aus spitzem Winkel – der Ball fand mit einer Regelmäßigkeit ins Netz, die an ein Trainingsspiel erinnerte. Doch es war nicht nur die technische Perfektion, die das Publikum begeisterte. Es war die pure Freude, die Müller bei jedem Treffer ausstrahlte. Er tanzte mit den Maskottchen, winkte den Fans zu und genoss jeden einzelnen Moment dieses Spektakels.
Dieser Triumph ist weit mehr als nur eine nette Anekdote am Rande der Saison. Er ist der perfekte Beweis dafür, dass Thomas Müller auch mit 36 Jahren noch immer über eine mentale und technische Klasse verfügt, die ihn von der Masse abhebt. Nach seinem Abschied vom FC Bayern München, nach über 600 Spielen für den Rekordmeister und zahlreichen Titeln, hätte sich Müller auf die faule Haut legen können. Stattdessen wählte er den Weg in die USA, in die Major League Soccer, um dort noch einmal etwas ganz Neues aufzubauen. Viele Kritiker hatten damals gemuttert, das sei nur noch ein lukrativer Ruhestand auf Raten. Sie alle haben sich geirrt.
