Die dritte und schwierigste Säule ist die Deregulierung. Hier gerät die Ministerin in den direkten Konflikt mit den Hütern des deutschen Datenschutzes. Ihr Entwurf für ein „KI-Innovationsgesetz”, das bestimmte anonymisierte Datensätze der öffentlichen Verwaltung für das Training von Open-Source-KI-Modellen freigeben soll, wurde von Datenschutzbeauftragten als „Angriff auf die informationelle Selbstbestimmung” kritisiert. Die Debatte ist hitzig. Die Ministerin argumentiert, dass Deutschland seine eigenen KI-Modelle nicht auf der Basis von Daten trainieren könne, wenn es sich selbst mit bürokratischen Fesseln binde, während China und die USA ungehemmt voranschreiten. Sie fordert einen „kontrollierten Freiraum”, einen regulatorischen Sandkasten, in dem Innovation Vorrang vor präventiver Vorsicht hat.
Hinter den Kulissen ist ihr Arbeitsstil ebenso unkonventionell wie ihr politisches Programm. Anstatt sich in den Ministerien in Berlin zu verschanzen, ist sie ständig unterwegs. Sie besucht Hackathons, sitzt mit den Entwicklern von Mittelständlern an einem Tisch und fordert von ihren eigenen Beamten wöchentliche, datenbasierte Fortschrittsberichte statt langer Lagepapiere. Dieser Führungsstil hat ihr ein treues Gefolge junger Digital-Natives eingebracht, die in ihr die erste Politikerin sehen, die ihre Sprache spricht und ihre Dringlichkeit teilt.
Doch die Luft wird dünner. Die großen Koalitionspartner bremsen ihre ambitionierten Vorhaben immer häufiger aus, und die öffentliche Meinung ist gespalten. Während die Wirtschaft ihre Offensive feiert, schüren Medienberichte über KI-Risiken die Skepsis in der Bevölkerung. Die Ministerin weiß, dass ihr „Vollgas”-Kurs ein hohes Risiko birgt. Ein größerer Datenschutzskandal oder ein fehlgeschlagenes Leuchtturmprojekt könnte ihre gesamte Agenda zum Stillstand bringen. Dennoch zeigt sie keine Anzeichen von Ermüdung. Für sie ist die Digitalisierung kein politisches Projekt unter vielen, sondern die einzige Chance, den Wohlstand und die Handlungsfähigkeit Deutschlands im 21. Jahrhundert zu sichern. Und wer Vollgas gibt, hat bekanntlich wenig Zeit für den Rückspiegel.
