Doch die Kritik darf nicht nur bei der Basis stehen. Die Führungsebene des DFB muss sich die kritischsten Fragen gefallen lassen. Die Personalpolitik der letzten Jahre war von Kontinuität statt von Innovation geprägt. Sportliche Leiter kamen und gingen, aber die grundlegende Ausrichtung blieb starr. Es fehlt eine klare, visionäre Führung, die den Mut hat, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Wo sind die neuen Ideen im Scouting? Wo ist die moderne Nutzung von Datenanalysen, die nicht nur zur Leistungsmessung, sondern zur Talentidentifikation genutzt wird? Andere Nationen haben in diesen Bereichen Milliarden investiert und ganze Abteilungen aufgebaut, während der DFB oft noch in alten Kategorien denkt und sich auf das verlässt, was man schon immer so gemacht hat.
Um die Wende zu schaffen, braucht es jetzt einen radikalen Bruch. Es reicht nicht, den Trainer zu entlassen oder ein paar neue Spieler in den Kader zu berufen. Der DFB muss seine gesamte Ausbildungsphilosophie überdenken. Es braucht wieder mehr Raum für die Entfaltung von Individualität in den Jugendakademien, mehr Fokus auf die Ausbildung von charakterstarken Persönlichkeiten und eine stärkere Vernetzung mit der Wissenschaft, um die physischen und mentalen Anforderungen des modernen Fußballs besser zu bedienen. Zudem muss die Führungsebene mit frischem Blut durchsetzt werden, mit Leuten, die den globalen Fußball nicht nur aus dem Fernsehen kennen, sondern die bereit sind, von den Besten der Welt zu lernen, anstatt zu glauben, man wüsste es besser.
Die Zeit für halbherzige Reformen ist vorbei. Das frühe Aus bei dieser WM ist der Weckruf, auf den der deutsche Fußball so lange gewartet hat, ohne zu wissen, wie er damit umgehen soll. Wenn der DFB jetzt nicht den Mut zur totalen Erneuerung aufbringt, wenn die Funktionäre weiter an den alten Stühlen festhalten, dann wird das nächste Turnier nur eine Wiederholung dieses Desasters sein. Die Welt schaut auf Deutschland, und die Welt sieht einen Giganten, der müde geworden ist. Es liegt nun an den Verantwortlichen, diesen Giganten nicht nur wieder auf die Beine zu helfen, sondern ihm eine ganz neue Seele einzuhauchen.
